Die Ersfelder Pferdeflüsterin Westerwald & Sieg Nr. 86, Donnerstag, 12. April 2012

Siegener Zeitung

Ausgabe Kreis Altenkirchen
Freitag, 13. April 2007

goeb Ziegenhain. Als Namur vor zwei Wochen auf dem Gnadenbrothof in Ziegenhain bei Altenkirchen kam, sah er aus wie ein Gespenst, ein Pferdegespenst. Der Haflinger-Großpferd-Mix hätte eigentlich 500 Kilo wiegen müssen, und doch zeigte die Waage nur 250 an. Die Haut hing dem 34 Jahre alten Hengst wie eine Decke auf den hervorstehenden Hüftknochen, und man konnte seine Rippen zählen.

"Wollen immer nur erlösen"

"Da sind Fehler passiert", sagt die Leiterin des Gnadenbrothofes, Andrea Mais, noch diplomatisch. Namur sei direkt von einem Kölner Reiterhof, wo man ihn zuletzt "erlösen" wollte, zu ihr gekommen. "Die Reiter wollen immer nur erlösen". Sie kann sich über manche Gepflogenheiten in den großen Ställen fürchterlich aufregen. "Dabei könnte er noch zehn Jahre leben", weiß sie. Großpferde können 40, Ponys sogar 50 Jahre alt werden.

Brutstätte für Haarlinge

Mangelernährung ist das eine traurige Attribut für das stark untergewichtige Tier, Verwahrlosung das andere. Das Fell des alten Herrn ist eine einzige Brutstätte für Haarlinge gewesen. "Wir haben hier auf dem Hof schon einiges gesehen, aber das hat alles Bisherige getoppt", fügt sie hinzu. Namur sei vom Hänger gestolpert und habe ausgesehen, als würde er sich jeden Moment zum Sterben hinlegen.
Nach zwei Wochen Fürsorge durch ehrenamtliche Helfer wie Jenny Schöneberg und Daniela Gruhlke aus Hamm (Sieg) sieht seine Welt schon wieder viel besser aus. Er frisst, und das nicht zu knapp. Solche Erfahrungen hat man auf dem Hof schon häufig gemacht. Seit sie den Hof vor elf Jahren pachtete, nahm sie dort immer wieder Tiere auf, die körperlich und seelisch völlig am Ende waren.

Nicht nur der Mensch, auch das Tier besitzt für die Mitarbeiter des Gnadenbrothofes eine Würde, die unantastbar ist. In Ziegenhain bilden zum Beispiel die zwölf betreuten Pferde eine natürliche Herde, die nie wieder getrennt werden soll. Eigentlich habe man wegen der knappen Finanzen einen Aufnahmestopp verfügt, aber im Falle von Namur musste sofort gehandelt werden.

Tiere mit Vergangenheit

Außer den Pferden genießen zwei Kühe und zwei Hängebauchschweine sowie vier Schafe und einige Enten, Hühner, Hasen und Meerschweinchen ihren Lebensabend zwischen Misthaufen und Scheune. Auch eine Ziege, fünf Hunde und sieben Katzen haben hier ihren Platz gefunden. Es sind allesamt Tiere mit Vergangenheit, die das seltene Glück einer zweiten Chance bekommen haben. Und vielleicht gewinnt ja auch der Mensch in den Augen der Tiere etwas von seinem Anstand zurück - wer weiß.

Im eigentlichen Sinne nicht zu besitzen

Andrea Mais wuchs im Rheinland mit Tieren auf, und von Anfang an fühlte sie sich mit ihnen besonders verbunden. "Tiere wurden bei uns nie als Eigentum angesehen. Man kann sie im eigentlichen Sinne auch nicht besitzen." Mit Pferden kennt sie sich am besten aus. Als Cranio-Sacral-Therapeutin ist sie inzwischen im ganzen Bundesgebiet tätig. "Da rufen mich manchmal Leute an, von denen ich es nie erwartet hätte".
Trotzdem muss für den Gnadenbrothof nach über zehn Jahren finanziell ein neues Konzept aufgestellt werden, "denn die Kosten können durch die bisherigen Spenden nicht mehr aufgefangen werden", berichtet die Leiterin, die ebenso wie die anderen Helfer rein ehrenamtlich tätig ist. Alle Spenden kommen vollständig den Tieren zugute. Etwa 20 Prozent schultert die "aktion tier- menschen für tiere e.V.", für einige der Pferde gibt es Voll- bzw. Teilpaten, hinzu kommen private Spenden der Mitglieder sowie Sachspenden und Geldspenden von Instituten, zum Beispiel auch von der Kreissparkasse Altenkirchen.

 

 

Zur zweiten Heimat geworden

Jenny und Daniela beispielsweise begannen in Ziegenhain als Ein-Euro-Jobberinnen, dann wurden ihre Verträge allerdings nicht verlängert. Jetzt schaffen sie für einen Gotteslohn. "Die Arbeit macht uns Spaß und die Tiere brauchen uns doch schließlich", sagen die beiden unverdrossen. Der Gnadenbrothof ist längst ihre zweite Heimat geworden.
Die Zukunft ist aber nicht ganz frei von Sorgen. Etwa 3500 Euro Futterkosten müssen jeden Monat hereinkommen. Namur, der Methusalem-Hengst, hat so schlechte Zähne, dass er Spezialfutter benötigt. Das Altersfutter für Pferde, die nicht mehr kauen können, ist eine nicht ganz billige Mischung aus gehäckseltem Wiesengras, das mit Warmluft getrocknet wurde und den Tieren in Pelletform dargereicht wird. Namur frisst jede Menge davon, und es ist das einzige, was er noch fressen kann.

"Übersteigt unsere Möglichkeiten"

Der zweite große Posten bei den Ausgaben sind Tierarztrechnungen. 4000 Euro Außenstände hat der Gnadenbrothof derzeit zu verkraften. "Das übersteigt im Moment unsere Möglichkeiten", sagt Andrea Mais nachdenklich, "ist aber fast normal, weil wir immer etwas hinterherhecheln". Sie freut sich indes über die Zusage eines Waschmaschinen-Herstellers, eine geräumige Maschine zu spenden. Die alte ist eigentlich zu klein für für die irischen Pferdedecken, weshalb sie rund um die Uhr läuft. Nun soll eine größere kommen.
Auch zwei fahrbare Weidenhütten für die Pferde müssen die Ziegenhainer noch dringend irgendwo besorgen.

Wer den Gnadenbrothof unterstützen möchte, kann dies tun. Anschrift und Bankverbindung lauten: Gnadenbrothof Ziegenhain e.V., Hauptstr. 11, 57632 Ziegenhain. Tel. (02685) 988740. Spendenkonto bei der Kreissparkasse Altenkirchen, BLZ: 57351030, Konto-Nr.: 5926

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